SCHINKEN, TEXT UND FLAMENCO

„UN AMOR oder DIE ERFINDUNG MEINER MUTTER“ von Eva Borrmann in der Tafelhalle Nürnberg

Zusammen mit ihrer Kompanie PLAN MEE erhielt Eva Borrmann die Impulsförderung der Stadt Nürnberg und konnte sich in der Tafelhalle drei ganze Jahre kreativ mit einem Themenkomplex beschäftigen. Sie entschied sich für „Kitsch/Kunst“.

Nürnberg, 29/11/2023

Was Mutter und Tochter miteinander vereint, ist die unbändige Liebe zum Tanz. „Pack deine Tasche, wir fahren gleich los. Freitag, siebzehn Uhr - Mama muss mir nicht sagen, was los ist. Ich weiß es.“ Erzählt uns eine Frauenstimme über Lautsprecher. Mutter und Tochter fahren zur Flamenco-Tanzstunde in die Stadt. Das ist die Ausgangslage und in dieser entfaltet Eva Bormann tänzerisch-performativ ihre Geschichte; auf einem großen, hölzernen Rechteck auf dem Boden. Sind es Teile eines Schwingbodens? Nein, einfach zusammengelegte Spanplatten, auf denen tanzte die Mutter im Keller, wie wir später erfahren werden.

Eva Borrman steht oben ohne vor uns. Sie trägt nur eine schwarze Anzughose und grobe, schwarze Lederschuhe. In diesem reduzierten Kostüm, vor allem, wenn sie typische Flamenco-Bewegungen präsentiert, wird viel transportiert: Verletzlichkeit, Weiblichkeit, Stärke. Während Eva tanzt, spielt, läuft oder liegt hören wir gleichzeitig der Frauenstimme zu. Die erzählt von der Beziehung der Mutter zur Tochter, der Mutter zum Flamenco, der angespannten Beziehung der Eltern, wir hören Streitereien und Motorheulen - der Vater ist großer Formel-1-Fan, dargestellt durch dunkel projizierte Reifenspuren auf den hellen Spanplatten.

Eva Borrmann spielt mit Requisiten, die alle eine persönliche Bedeutung haben, sie zelebriert ihre Erinnerungen, stellt sie aus und erschafft so eine Bindung. Beispielsweise stülpt sie sich ein Papphaus über, das sie zuerst schützt, doch dann nicht mehr los bekommt. Sie präsentiert und schneidet einen riesigen, spanischen Sehnsuchtsschinken, wirft mit erinnerungsbehafteten McDonald’s-Tüten um sich und lädt uns ein, mit ihr verschiedene Flamenco-Klatsch-Versionen auszuprobieren.

Situationen und Bewegungen, die sie von klein auf erlebt, erlernt und fest in ihrem Körper gespeichert hat. Ihre Soloperformance ist eben eine choreografisch-biografische Annäherung an ihre Vergangenheit. Dabei erinnert der Titel „Die Erfindung meiner Mutter“ an Werke des französischen Schriftstellers Édouard Louis, der seine Lebensgeschichte autobiografisch literarisiert und dabei soziologisch untersucht. In „Wer hat meinen Vater umgebracht“ (2018) beschreibt er z.B. den Kampf von Körper und Arbeit am Beispiel seines Vaters.

Den Bogen zur Literatur hat Eva Borrmann ebenfalls geschlagen: Der von Lucia Schulz eingesprochene Text, den wir über die Dauer des Stücks hören, wurde vom freischaffenden Autor und Medienwissenschaftler Urs Humpenöder verfasst. Eine äußerst angenehme, poetische Zugänglichkeit zeichnet diesen aus: „Auftritt Mama. Die Haare im Dutt zusammengebunden, keine Strähne steht ab, kein Haar ist am falschen Platz. Der Haargummi, der alles zusammenhält, ist riesig. Die Lippen hat sie sich mit rotem Lippenstift nachgezogen. Ihre Nase ist die schönste Nase der Welt. Ihre Sommersprossen zahlreich.“

Vor bereits einem Jahr feierte diese zauberhafte Soloperformance in der Tafelhalle Nürnberg Premiere. Zusammen mit ihrer Kompanie PLAN MEE erhielt Eva Borrmann die Impulsförderung der Stadt Nürnberg und konnte sich in der Tafelhalle drei ganze Jahre kreativ mit einem Themenkomplex beschäftigen. Sie entschied sich für „Kitsch/Kunst“, das sie konzeptionell und choreografisch auf insgesamt drei Stücke aufteilte: Im Februar 2022 präsentierte sie „SOFT FOCUS“ zum Thema Nacktheit, „UN AMOR“ zum Thema Nostalgie war der Nachfolger und schließlich das erst kürzlich uraufgeführte „BIGGER THAN THE UNIVERSE“ zum überaus weiten Feld der Esoterik. Im November 2023 wurde Eva Borrmann zudem mit dem Nürnberger Kulturpreis ausgzeichnet.

In ihrem persönlichen Solo „UN AMOR“ zieht sie das Publikum in ihren Bann; auch wenn der Text und sie selbst stellenweise leider schwer zu verstehen sind, weil die Musik viel zu laut wummert, weiß sie die Verbindung mit ihrem Charme und direkten Blicken wieder aufzunehmen. Oder einen im Publikum sitzenden Mann auf die Bühne einzuladen. Der Bruder. Gemeinsam erzählen sie das Ende der Geschichte und tanzen gemeinsam einen letzten Flamenco zum Song „Un Amor“ (1982) von den Gypsy Kings. Denn: „Mama und ich hören immer nur eine einzige Kassette: die Gipsy Kings. Diese Männer singen von Liebe, von Schmerz und von Maria.“

Eine ziemlich ins Herz gehende, tatsächlich hervorragend kitschige, weil gefühlvolle und gefühlevozierende Performance. Beim Verlassen des Saals bekommt jede*r Zuschauer*in noch ein Heft überreicht: darin die gesammelten Texte des Abends von Urs Humpenöder mit der kurz angeschnitteten Geschichte des Bruders. Die Soloperformance von Eva Borrmann ist eine Hommage an ihre Mutter, die Beziehung zwischen ihnen beiden, an die Frau generell - und an die Liebe zum Tanz.

 

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